Im August 2025 führte das Netzwerk »Stadt für Alle« einen Stadtrundgang zum Thema „Sicherheit“ in der Bochumer Innenstadt durch. Ziel war es, die Bedeutung von Sicherheit aus der Perspektive von Menschen zu thematisieren, die im allgemeinen Sicherheitsdiskurs nur selten eine Rolle spielen: Gewalt gegen Menschen die auf der Straße leben, die Bedrohung von queeren Menschen, die Erfahrung von Rassismus von Geflüchteten oder häusliche Gewalt gegen Kinder und Frauen.
Der Rundgang wurde von Gruppen und Organisationen begleitet, die sich mit den besonderen Sicherheitsbedürfnissen gefährdeter Menschen in der Stadt auskennen und die von ihren Erfahrungen berichteten. Uns begleiteten u.a. die Medizinische Flüchtlingshilfe, der Landesverband Psychiatrie-Erfahrener NRW e.V. oder Vertreterinnen vom »Bündnis 25. November« (Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen).
In ihren Berichten wurde deutlich, auch auf kommunaler Ebene können Maßnahmen ergriffen werden, die das Leben dieser vulnerablen Gruppen sicherer machen. Wir dokumentieren hier ihre konkreten Vorschläge und Forderungen an Politik und Verwaltung.
Wer auf der Straße lebt, lebt gefährlich
Wohnungslose Menschen, die auf der Straße leben, sind nicht nur von Kälte oder Vertreibung bedroht sondern auch schutzlos direkter Gewalt im öffentlichen Raum ausgesetzt. Im April 2024 wurde in Dortmund das Zelt einer wohnungslosen Frau angezündet, im Juli 2024 ein schlafender Wohnungsloser im Bochumer Hauptbahnhof zu Tode geprügelt. Steigende Mieten und der Mangel an bezahlbarem Wohnraum verschärfen die Situation zusätzlich.
In der Vergangenheit haben wir vom Netzwerk »Stadt für Alle« mit Initiativen für wohnungslose Menschen zusammengearbeitet. Hieraus wurden folgende Forderungen entwickelt. Welche Infrastruktur braucht es in Bochum, um die Sicherheit wohnungsloser Menschen zu gewährleisten? Was könnten die Stadt und vielleicht auch die Gesellschaft tun, um die Stadt sicherer zu machen?
Das Wichtigste ist und bleibt ausreichend bezahlbarer und günstiger Wohnraum. Housing First ist hierbei ein wichtiges Programm, was die Situation entschärfen würde. Hitze- und Kälteschutz-Unterkünfte müssen bereitgehalten werden, um bei Extremwetterlagen Zuflucht zu bieten. Notschlafstellen, Tagesunterkünfte, Suppenküchen und andere Infrastruktureinrichtungen für Wohnungslose müssen mit guter ÖPNV-Anbindung bzw. innenstadtnah zu Fuß erreichbar sein. Außerdem braucht es barrierefreie und zielgruppenspezifische Angebote, was bedeutet: gendersensibel, altersgerecht, aber auch für Paare und für Menschen mit Hund. Leider ist es nicht selten, dass auch Kinder betroffen sind. Darum müssen dort Möglichkeiten für Spiel und Freizeitgestaltung vorhanden sein. Abschließbare Schränke für die Habe der Betroffenen sollten zur Basisausstattung gehören.
Wir alle können Sensibilität für die Verletzlichkeit wohnungsloser Menschen schaffen, da wohnungslose Menschen durch ihre Schutzlosigkeit im öffentlichen Raum leicht Opfer von Übergriffen werden.
Wenn das eigene Zuhause kein sicherer Ort ist
Dass das eigene Zuhause kein sicherer Ort ist, zeigten die rapide steigenden Zahlen häuslicher Gewalt während der Corona-Pandemie überdeutlich. Nicht nur Gewalt gegen Frauen im Kontext von familiären oder partnerschaftlichen Beziehungen spielt hier eine Rolle, sondern auch körperliche, sexuelle oder psychische Gewalt gegen Kinder. Femizide, die Tötung von Frauen oder Mädchen, sind die extremste Form geschlechts-bezogener Gewalt. Im Jahr 2023 wurden in Deutschland 938 Mädchen und Frauen Opfer von versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten (Bundeskriminalamt 11/2024). Im Dezember 2024 tötete ein Mann in Bochum-Weitmar seine Ehefrau. Frauenhäuser bieten Schutzräume – doch die vorhandenen Plätze reichen nicht aus.
Wir haben das »Bündnis 25. November« (Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen) gefragt, was die Stadt und vielleicht auch die Gesellschaft tun können, um unser Zuhause sicherer zu machen?
„Die Stadt hat die Aufgabe, mehr für die Förderung für bereits bestehende Gewaltschutzeinrichtungen zu tun. Das bedeutet zum Beispiel den Ausbau der Frauenhausplätze. Gewaltschutz muss auch intersektional gedacht und umgesetzt werden, denn Personen, die von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind, sind am vulnerabelsten. Dazu gehören zum Beispiel Frauen*, die auf Grund mangelnder Sprachkenntnisse Schwierigkeiten haben, Hilfe zu holen oder Frauen*, die auf Grund von institutioneller Diskriminierung, zum Beispiel durch die Ausländerbehörde oder die Polizei, kein Vertrauen in öffentliche Strukturen entwickeln können.
Gewalt ausgesetzt zu sein hat auch etwas mit materiellen Verhältnissen zu tun. Sicherheit muss daher auch durch materielle Sicherheit gewährleistet werden, das heißt, es muss ausreichend bezahlbarer Wohnraum zur Verfügung gestellt werden, eine finanzielle Grundsicherung geben und Armut bekämpft werden. Gleichzeitig muss antifeministischer Ideologie entschieden entgegengetreten werden, auch hier müssen wir uns als Gesellschaft deutlich gegen rechte Ideologien stellen.“
Warum gibt es immer wieder Polizeigewalt gegen psychisch erkrankte Menschen?
Immer wieder geraten psychisch erkrankte Menschen bei Polizeieinsätzen in lebensbedrohliche Situationen – mit tödlichem Ausgang. So wurde im März 2024 in Bochum ein 32-jähriger Mann von der Polizei erschossen, der sich in einer psychischen Ausnahmesituation befand (WAZ 12.10.2024). Solche Vorfälle werfen dringende Fragen auf: über den Umgang von Polizei und Einsatzkräften mit Menschen in psychischen Krisen, über fehlende Deeskalationsstrategien und über Strukturen, die Betroffene nicht ausreichend schützen. Die vermeintliche „Sicherheit“, die durch solche Polizeieinsätze hergestellt werden soll, bedeutet oft, dass besonders verletzliche Menschen gefährdet werden.
Wir haben den »Landesverband Psychiatrie-Erfahrener NRW e.V.« gefragt, was konkrete Forderungen an Polizei und Lokalpolitik wären, um die Situation zu verbessern?
„Bei Polizeieinsätzen sollte regulär eine Person aus dem psychosozialen Bereich hinzugerufen werden, auch nachts und am Wochenende. Das ist nötig, um Situationen zu deeskalieren und Menschen in psychischen Krisen zu unterstützen. Wenn bei Polizeieinsätzen Menschen in psychischen Ausnahmesituationen verletzt oder getötet werden, muss das Konsequenzen haben, sonst werden solche Fehler immer wieder passieren. Die Polizei sollte geschult werden, um mit Menschen in psychischen Krisen professionell umzugehen und nicht sofort die Waffe zu ziehen.“
Welche Erfahrungen machen geflüchtete Menschen bei Behörden und im öffentlichen Raum?
Geflüchtete oder Menschen mit Migrationshintergrund, deren äußerliches Erscheinungsbild nicht der Vorstellung eines*er weißen Deutschen entspricht, erfahren Diskriminierung nicht nur bei Behörden oder bei der Wohnungssuche sondern auch im öffentlichen Raum. Hierzu gehören z.B. anlasslose Personenkontrollen durch die Polizei, das sogenannte „Racial Profiling“.
Die Einrichtung von Flüchtlingsunterkünften erzeugt in der unmittelbaren Nachbarschaft immer wieder diffuse Ängste. Das macht deutlich, wie tief rassistische Ressentiments in der deutschen Mehrheitsgesellschaft verankert sind. Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte zeigen: Die Menschen sind auch hier nicht sicher.
Auch die »Medizinischen Flüchtlingshilfe Bochum« hat uns bei unserem Rundgang begleitet. Vor dem Rathaus in Bochum haben wir sie gefragt: Was müsste seitens der Politik in der Stadt getan werden, um die Situation für Geflüchtete Menschen in Bochum sicherer zu gestalten?
„Besonders Behördengänge wie der Besuch der Ausländerbehörde, ist bei vielen Menschen mit großen Ängsten verbunden. Diese Angst kann minimiert werden, wenn es Schulungen für das Personal zum Umgang mit traumatisierten Menschen und Menschen in Krisensituationen gibt. Ein diskriminierungsfreies und respektvolles Verhalten der Mitarbeitenden in der Ausländerbehörde muss sicher gestellt werden. Sprachvermittlung ggf. per Telefon würde dies unterstützen. Die meisten Sammelunterkünfte sind zudem keine sicheren Orte. Es müssen sichere Orte vor allem für vulnerable Gruppen wie traumatisierte Menschen oder Kinder, Alte und hilflose Menschen geschaffen werden.
Auch wir als Gesellschaft haben die Aufgabe, Solidarität und Respekt den Geflüchteten gegenüber zu zeigen. Die Ressourcen, die die Geflüchteten mitbringen, sollten gesehen werden, sie müssen die Möglichkeit bekommen sich gesellschaftlich einzubringen.“
Wie sicher ist es, in Bochum mit dem Fahrrad unterwegs zu sein?
Dooring-Unfälle durch sich plötzlich öffnende Autotüren, Gefahrenstellen und fehlende Radwege machen das Radfahren auf Bochums Straßen unsicher. 2022 starb ein Radfahrer, nachdem er auf der Bochumer Alleestraße in alten Straßenbahnschienen gestürzt war. Der notwendige Ausbau der Radinfrastruktur und eine damit einhergehende Verkehrswende kommen nicht voran. Gleichzeitig wird um den Erhalt jedes einzelnen Parkplatzes gerungen. Die Bedrohung von Fußgänger*innen und Radfahrenden durch den Vorrang des Autoverkehrs scheint ungebrochen.
Am Ghostbike in der Dorstener Straße haben wir die Bochumer Initiative »Radwende« gefragt, wie Sicherheit jenseits von Autoverkehr in Bochum aussehen kann.
„Die Lücken im Radnetz müssen geschlossen werden. Einzelne Radwege helfen wenig, wenn die Anbindung fehlt. Radfahren muss so einfach und intuitiv sein wie Autofahren. Doch während Autofahrer*innen klar erkennen, wo es langgeht, enden Radwege oft plötzlich oder wechseln unvorhersehbar die Führung. Die dichte Bebauung in Bochum ist eine Ausrede, Städte wie Paris zeigen: Wo ein Wille ist, entstehen innerhalb kürzester Zeit Hunderte Kilometer Radinfrastruktur.
Wir brauchen mehr Ressourcen für die Pflege von Radwegen. Außerdem müssen Radwege ganzjährig befahrbar sein, das erfordert regelmäßige Instandhaltung. Konsequentes Ahnden von Falschparkenden hilft zusätzlich. Wenn Bochum die StVO durchsetzen würde, wäre das bereits ein großer Schritt zur Verkehrswende. In Bochum wird das Falschparken leider immer noch toleriert. Auf manchen Straßen ist die Benutzung des Gehweges gar nicht mehr möglich, insbesondere vor Schulen sehen wir das ungeordnete Gehwegparken. Was für Schüler*innen auch zu Fuß besonders gefährlich wird.
Die Trennung von Fuß- und Radwegen beugt Nutzungskonflikten vor. Radfahrende wollen keine Konflikte mit Fußgänger*innen – weder auf shared spaces noch auf engen Wegen. Um Platz effizient zu nutzen und eine Verkehrswende voranzubringen, müssen Umweltspuren für Radverkehr und ÖPNV ausgewiesen werden.“
Bedrohung und Ausgrenzung queerer Menschen
Queere Menschen – also etwa lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, inter* oder nicht-binäre Personen – erleben im öffentlichen Raum immer wieder Diskriminierung, Bedrohung oder sogar körperliche Angriffe. Obwohl Vielfalt glücklicherweise vielerorts gefeiert wird, fehlt im Alltag häufig noch die echte Akzeptanz. Diese Ablehnung zeigt sich nicht nur auf der Straße sondern manchmal auch in eigentlich als Schutzräumen gedachten Orten. So wurde etwa im April 2023 das queere Kulturzentrum „FLUID“ in Bochum mit Farbe attackiert – ein Angriff, der deutlich macht, dass selbst solche Räume nicht immer sicher sind.
Was müsste seitens der Politik und auch von uns getan werden, um mehr Sicherheit für queere Menschen in Bochum zu schaffen, fragten wir Aktive der »Oval Office Bar« in Bochum.
„Die finanzielle Absicherung queerer Beratungsstellen und Hilfsangebote in Bochum muss dauerhaft sichergestellt werden. Dazu gehört die Rosa Strippe, das WiR Zentrum und das Fluid. Diese Orte zum Treffen, Austauschen und zur Beratung sind zentral für queere Menschen und geben essenzielle Sicherheit.
Betroffenen von queerfeindlicher Gewalt müssen Zugang zu sozialen und psychotherapeutischen Angeboten in verschiedenen Sprachen haben. Außerdem muss medizinische und wenn gewollt therapeutische Betreuung von queeren Geflüchteten in Bochum durch Personal in den Unterkünften bereit gestellt werden. Dazu braucht es Schulungen und Informationsmaterial sowie die sichere Möglichkeit externer Beratung.
Eine nicht-polizeiliche Meldestelle für queerfeindliche Hassgewalt vor Ort (ähnlich der digitalen Melde- und Informationsstelle Queerfeindlichkeit NRW – MIQ NRW – Queeres Netzwerk NRW) ist wichtig, um dieser Gewalt etwas entgegen zu setzen. Es wäre nötig, die Gründung eines Netzwerks nach Münsteraner Vorbild »Trans*-Inter* Münster e.V.« (Angebote wie Selbsthilfegruppen, Aufklärungsangebote, Vernetzung usw.) voranzutreiben.
Es ist dringend notwendig, den Schutz sowie die strukturelle und finanzielle Unterstützung queerer und antifaschistischer Initiativen dauerhaft sicherzustellen.“
Sicherheit als menschliches Grundbedürfnis
Rechtspopulisten behaupten, Frauen* würden auf der Straße von männlichen Geflüchteten bedroht. Gewalt gegen Frauen* im häuslichen Umfeld, in Familien oder Beziehungen spielen dahingehend im allgemeinen Sicherheitsdiskurs meist keine Rolle. Denn diesen Sicherheitsdiskurs dominieren oftmals rechte Erzählungen indem sie eine Gefahr, die von „Fremden“ aus geht herbeireden oder Abweichungen von dem, was als „normal“ gilt, als Bedrohung empfinden. Hieraus entstehenden Unsicherheiten etwa in Form von Übergriffen gegen queere, nichtweiße oder wohnungslose Menschen. Auch antifeministische Positionen werden immer lauter und bedrohlicher.
Sich sicher zu fühlen ist ein menschliches Grundbedürfnis und bedeutet nach unserer Auffassung die Abwesenheit von Gefährdung sowie den Erhalt der psychischen und physischen Unversehrtheit. Das muss allgemeingültig sein!
Überlassen wir das Thema Sicherheit also nicht den Rechten und Populisten. Wir haben dem etwas entgegen zu setzen, lasst uns gemeinsam und laut sein und in den Sicherheitsdiskus einmischen!

